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Wenn die Eltern sich trennen – Bedeutung für Kinder und Jugendliche

Eine Trennung der Eltern zieht große Veränderungen der Lebensumstände für Kinder und Jugendliche mit sich. „Es gibt nicht den einen richtigen Weg, um diese schwierige Situation möglichst gut zu bewältigen“, erklärt J. Baukmann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin an unserer LWL-Klinik Marl-Sinsen. Eltern sollten allerdings darauf achten, Paar- und Elternebene zu trennen und die Bedürfnisse der Kinder stets im Blick zu haben.

Was bedeutet eine Trennung der Eltern für Kinder und Jugendliche?

Wenn die Eltern sich trennen, ist das für Kinder und Jugendliche grundsätzlich erst einmal ein massiver Einschnitt. Das Familienleben, gewohnte Lebensumstände, vertraute Strukturen – alles verändert sich. Die Eltern sind plötzlich kein Paar mehr – für den Nachwuchs bedeutet das einen großen Verlust. Der Papa oder die Mama zieht aus, vielleicht muss die Familie den bisherigen Wohnsitz aufgeben, die Organisation des Alltags muss neu aufgestellt werden. Das kann eine belastende Situation darstellen, die meist auch mit negativen Gefühlen verbunden ist.

Wie sollten Eltern ihren Kindern die Entscheidung, zukünftig getrennte Wege zu gehen, vermitteln?

Eines ist enorm wichtig: Die Paarebene und die Elternebene strikt zu trennen. Alle Konflikte auf der Paarebene sind möglichst von den Kindern fernzuhalten. Auf der Elternebene ist Zusammenarbeit gefragt, auch wenn das nicht leicht ist. Bestenfalls informieren die Eltern ihre Kinder gemeinsam über die Entscheidung. Es kommt auf das Alter an, inwieweit auch über die Hintergründe der Trennung gesprochen werden sollte. Ein 16-Jähriger wird andere Fragen stellen als ein Fünfjähriger. Generell gilt: Ehrlich sein, nicht lügen. Eltern können aber deutlich machen, dass es Themen gibt, die nur sie beide betreffen. Hilfreich ist es, bei der Bekanntgabe der Trennung einen gewissen Plan zu haben: Der Papa zieht dorthin, die Mama bleibt bei euch, wir sehen Papa so und so oft. Angst, Wut, Unverständnis – das sind ganz normale Reaktionen der Kinder. Sie brauchen genug Zeit und Raum für alle ihre Gefühle und Fragen. Manchmal ist es gut, wenn noch eine außenstehende Person, die Oma, die Tante, ein Freund, hinzugeholt wird, um zu unterstützen.

Welche Botschaften sollten die Eltern bei der Bekanntgabe der Trennung an ihre Kinder vermitteln?

Jegliche Schuldzuweisungen sind unbedingt zu vermeiden – sowohl unter den Eltern als auch gegenüber den Kindern. Eine wichtige Botschaft kann sein: „Wir möchten zwar kein Paar mehr sein, das ändert aber nichts daran, dass wir dich unglaublich lieb haben“. Eltern können auch ruhig darauf hinweisen, dass die veränderte Situation Chancen mit sich bringt. Eine Trennung kann durchaus eine Entlastung für die Familie sein – zum Beispiel, wenn es vorher viel Streit gab. Wichtig ist, ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Kinder zu haben. Es sollten jedoch keine Versprechungen gemacht werden, die nicht eingehalten werden können. Ein kleiner Tipp: Eine gute Orientierung können die „20 Bitten von Kindern an ihre geschiedenen oder getrennten Eltern“, verfasst von Frau Dr. Karin Jäcke (http://www.karin-jaeckel.de/werhilft/waskinderwollen2.html) geben.

Welche Auswirkungen kann eine Trennung der Eltern auf Kinder und Jugendliche haben?

Die Reaktionen sind ganz unterschiedlich. Meist dauern sie jedoch nicht lange an. Die häufigsten Emotionen, die wir in diesem Zusammenhang hier in der Klinik erleben, sind Angst, Wut und Traurigkeit. Kinder im Grundschulalter fallen manchmal in ehemalige Entwicklungsstufen zurück. Sie fangen beispielsweise wieder an, sich einzunässen oder möchten wieder bei den Eltern im Bett schlafen, da sie sich nach Sicherheit sehnen. Andere Kinder verhalten sich aggressiv, wieder andere ziehen sich komplett aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Je jünger die Kinder sind, als desto existenzieller empfinden sie die Bedrohung durch die Trennung, da sie noch nicht so eigenständig sind. Jugendliche fangen dagegen an, eigene Beziehungsmuster zu hinterfragen. Da kommen zum Beispiel Zweifel auf, ob Beziehungen überhaupt von Dauer sein können. Oft befinden sich die Kinder oder Jugendlichen auch in einem Loyalitätskonflikt, da sie beiden Elternteilen gerecht werden möchten. Das kann extrem belastend sein.

Wie sieht es mit langfristigen psychischen Folgen aus?

Das lässt sich nicht verallgemeinern. Verläuft eine Trennung der Eltern wirklich böse und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder, können diese ernsthafte psychische Störungen entwickeln – zum Beispiel Depressionen, Angstzustände oder Störungen des Sozialverhaltens. Eine Trennung der Eltern kann auch die eigenen Beziehungsmuster der Kinder noch im Erwachsenenalter beeinflussen. Das kann sich dadurch äußern, dass die Betroffenen ein extrem anklammerndes Beziehungsverhalten zeigen und viel Bestätigung brauchen. Oder aber es fällt ihnen schwer, sich auf andere Menschen wirklich einzulassen und sie führen eher flüchtige Beziehungen. Das kommt auch immer ganz auf die Persönlichkeit an. Generell gilt aber: Wenn die Eltern es schaffen, Paarebene und Elternebene zu trennen, an einem Strang ziehen und offen kommunizieren, muss eine Trennung keinesfalls langfristige negative Auswirkungen auf die Kinder haben.

Wann sollte eine Familie externe Hilfe in Anspruch nehmen?

Eines vorweg: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, um eine Trennung gemeinsam zu bewältigen. Niemand hat eine Anleitung dafür, es ist immer eine vollkommen neue und überfordernde Situation für alle Beteiligten. Ich rate immer dazu, mit einer solchen Situation nicht zu lange alleine zu bleiben, falls die Belastung zu groß wird. Es ist keine Schwäche, sich professionelle Hilfe zu holen. Familien haben die Möglichkeit, unterschiedliche Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen. Falls bestimmte Probleme, wie aggressives Verhalten, depressive Verstimmungen oder Ängste bei den Kindern über Wochen anhalten, kann auch eine Therapie sinnvoll sein, um die Trennung aufzuarbeiten.